1000 Jahre Wathlingen: Wathlingens Wasserspiele

(mt) Keine 100 Meter hinter der Einmündung der Erse in die Fuhse im Südsüdosten Wathlingens verbergen sich in der Feldmark diese Überreste eines alten Wehrs. 1876 gründeten Wathlinger Bauern offiziell eine Staugenossenschaft, deren Ziel es war, die Erträge der großen Wiesen– und Weideflächen z. B. der „Rühmse“ (ehemalige Wiesenfläche südöstlich der Trift) zu sichern und zu steigern.

Die Staugenossenschaft nutzte eine naturnahe, Jahrhunderte alte Technik, die unter Nutzung des natürlichen Gefälles allein mit Hilfe der Schwerkraft die Wiesen zweimal im Jahr bewässerte. Mit Hilfe eines Stauwehrs, an dem die Wathlinger Staugenossenschaft mit ⁵⁄₈ und die Bröckeler und Klein-Eicklinger Staugenossenschaft mit ³⁄₈ beteiligt waren, wurde der Wasserspiegel der Fuhse angehoben. Dadurch konnte das Wasser in die Zuleitungs- und Bewässerungsgräben abgeleitet werden. In diese waren in regelmäßigen Abständen Schließen eingebaut. Der Staumeister der Genossenschaft legte fest, welche Schließen wann und wie lange geöffnet und welche geschlossen wurden. Das Wasser trat dann als Rückstau gezielt an dem zu bewässernden Wiesenabschnitt über die Ufer. So wurde der durchwurzelte Wiesenboden in diesem Abschnitt mit Wasser gesättigt. Gleichzeitig führte das Wasser auch Schweb- und Mineralstoffe mit sich und düngte die Wiese. Ein leichtes Gefälle der Wiese sorgte dafür, dass das Wasser nach ein bis zwei Tagen wieder planmäßig in einen Entwässerungsgraben abfloss und in die Fuhse zurückgeleitet wurde. Dann kam der nächste Abschnitt dran.

Damit sicherte die Staugenossenschaft den Viehhaltern auch in trockenen Jahren die Grundversorgung mit Grünfutter und Heu. Viele Bauern erzeugten nun mehr Heu, als ihre eigenen Tiere brauchten und verkauften es bis nach Hannover. Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert die Landwirte ihre Produktion auf Ackererzeugnisse umstellten, die schlechten Wathlinger Böden mit Mineraldünger verbesserten und die motorgestützte Beregnung üblich wurde, ging die Wiesenfläche zurück und die Wiesenbewässerung verlor an Bedeutung. Seit 1962 staute die Wathlinger Staugenossenschaft nicht mehr und löste sich 1968 auf. Die Gräben wurden zugeschüttet und das Wehr gemäß der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie zu einer Sohlgleite zurückgebaut, damit Wirbellose und Fische auch flussaufwärts schwimmen können.

Heute ist die Technik der Wiesenbewässerung nach den Kriterien der UNESCO als Immaterielles Kulturgut eingestuft. Sie fördert eine besonders artenreiche Flora und Fauna und dient der Grundwasserhebung. Eine der ganz wenigen funktionierenden Wiesenbewässerung in Norddeutschland ist heute noch in Edemissen-Rietze im Landkreis Peine zu bestaunen.

Zurück