1000 Jahre Wathlingen: Brot für Wathlingen

(mt) Da hat einer den richtigen Riecher gehabt und unternehmerischen Wagemut bewiesen. Als 1905 die ersten Abteufarbeiten für das neue Kalibergwerk begannen, war Heinrich Grundstedt gerade 19 Jahre alt, hatte seine Bäckerlehre in Sehnde bei Burgdorf beendet und absolvierte für die nächsten zwei Jahre seinen Militärdienst in Hildesheim. Derweil stieg dank des boomenden Kalibergbaus Wathlingens Einwohnerzahl von 949 im Jahr 1905 auf 1466 im Jahr 1910. Ein Ende des Bevölkerungsanstiegs war nicht abzusehen. Heinrich Grundstedt baute 1910 an der heutigen Schulstraße 15 ein kompakt und funktional geplantes Haus, das Wohnen, Backen und Verkaufen unter einem Dach vereinte. 1911 eröffnete er seine Bäckerei. „Wir waren nicht der Bäcker der Bauern“, erinnert sich seine Enkelin heute, denn die Bauern hatten bereits 1869 ihre eigene Backhausgenossenschaft gegründet.

Grundstedts hatten die kleinen Leute und die Zugezogenen im Blick. Es gab 6-Pfund-Brote, später kleinere Vierpfünder, Brötchen und eine Kuchenauswahl. 1915-1918 zwang der Erste Weltkrieg Heinrich Grundstedt, den Laden in die Obhut seiner Frau zu geben. Wenige Jahre nach Kriegsende legte er vor der Bäckerinnung in Celle 1922 seine Meisterprüfung ab. Heinrich Grundstedt war mit Leib und Seele Bäcker, seine Kunden nannten ihn auch vertrauensvoll „use Papa“. Auch Frieda Höper, die der Bäcker nach dem frühen Tod seiner ersten Frau heiratete und die viele Jahrzehnte im Laden die Backwaren verkaufte, lebt im Gedächtnis der Wathlinger als „use Mama“ weiter. Mit dem Geschäft ging es in den 30er-Jahren aufwärts. Die Kolonie, Adelheidsdorf und Großmoor wurden beliefert. 1934 konnte sich der erfolgreiche Bäcker sogar eine nagelneue Opel-Limousine leisten.

Nach der Währungsreform wurde 1949 die Backstube modernisiert, bevor 1952 sein Sohn Walter übernahm. Auch er ging in seinem Beruf auf. „Der kömmt nie utten witten Tüch rut“, so kannten die Wathlinger ihren Bäcker. Das Geschäft wuchs, Grundstedt belieferte in den 80er Jahren zwei Filialen, eine in Wathlingen, die andere in Wienhausen. Alt-Wathlingerinnen erinnern sich, dass man noch bis in die 70er Jahre seinen Platenkauken zum Abbacken in die Backstube trug oder sich Sauerteig für den eigenen Brotteig abholte.

Im Jahr 2001 endete die Bäckerära Grundstedt in Wathlingen in der dritten Generation. Das Haus, das bereits in den 60er-Jahren an der linken Seite erweitert worden war, bekam neue Fenster und wurde zu einem reinen Wohnhaus umgebaut. Nur die Blende über der Eingangstür erinnert noch ein wenig an die Zeit, als es dort frisches Brot gab.

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