1000 Jahre Wathlingen: Das gesellschaftliche Zentrum

(mt) Das ziegelrot gestrichene Mauerwerk des Hauses in der Kirchstraße nahe dem Rathaus fällt auf. Vor mehr als hundert Jahren schlug hier das gesellschaftliche Herz Wathlingens. Der Gasthof „Zur Linde“ galt als „solider“ Dorfmittelpunkt. Hier traf sich die Dorfgemeinschaft zu Tanzvergnügungen, Bällen, Hochzeiten und Trauerfeiern. Es war die lokale Nachrichtenbörse. In seinem Saal fanden Vereinsgründungen statt, die Freiwillige Feuerwehr wurde aus der Taufe gehoben und von der Obrigkeit angesetzte Versammlungen wurden nicht selten mit erregten Debatten hier durchgeführt. Nach Feierabend und sonntags nach dem Gottesdienst trafen sich hier – oftmals zum Leidwesen der Ehefrauen - die Männer zum Feierabendbier oder Frühschoppen.

Ursprünglich gehörte das Haus zu einer Kötnerstelle. 1912 nennt das Protokoll des Männerturnvereins „Vater Jahn“ den Gasthof „Zur Linde“ noch „Riefenbergsches Lokal“ nach dem damaligen Gastwirt Adolf Riefenberg. Bereits Ende desselben Jahres übernahm aber der Wathlinger Bauunternehmer Timme das Lokal für 58.000 Mark. Er erweiterte das Gasthaus und baute es gründlich um, bevor er es verpachtete. Das damalige Finanzierungsmodell war durchaus clever: Timme lieh sich das Geld vom Celler Brauereibesitzer Schilling, dem er im Gegenzug vertraglich zusicherte, die Getränke für die Gastwirtschaft nur über dessen Brauerei zu beziehen.

Von den fünf Gasthäusern, die Wathlingen Anfang des 20. Jahrhunderts für seine etwa 1000 Einwohner besaß, war die Gastwirtschaft „Zur Linde“ die umsatzstärkste. Heute sind alle traditionellen Dorfgasthäuser verschwunden. Die subventionierte Vereinsgastronomie und die gewandelte Fest- und Feierkultur haben ihnen den Garaus gemacht.

Zurück